Die Geschichte von Rick

Barfuss macht Spass.

Ricks Geschichte

Fast jeden Sonntag treffen wir uns zum Mittagessen bei meinem Sohn. Am vergangenen Sonntag bemerkte ich etwas, was mir bisher nie aufgefallen ist: alle meine Enkelkinder hatten keine Schuhe an den Füssen.

Am Sonntagsgottesdienst, da bin ich mir sicher, hatten Sie Schuhe an. Ich vermute auch, dass sie auf Befehl von Mama und Papa Schuhe anziehen mussten. Nachdem der Sonntagsgottesdienst vorbei war, schienen fünf Paar Schuhe dann aber einfach zu verschwinden.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht, weil auch ich als Kind und Jugendlicher immer barfuss war. Und ich muss zugeben, dass ich nicht einmal mehr weis, wie meine Schuhe in meiner Jugend überhaupt ausgesehen haben.

Ich habe später mal etwas herumgefragt. Doch keiner meiner Freunde erinnerte sich daran, früher Schuhe getragen zu haben. Ausser es lag im Winter Schnee.

Meine Frau sagte mir, sie sei jeweils den Teerwegen entlang zum Haus der Grossmutter gelaufen, und jede Nacht habe ihre Mutter einen Lappen mit etwas Benzin benutzt, um den Teer von den Fusssohlen zu entfernen.
Ich habe sie gefragt, ob sie sich daran erinnert würde, dass der Teer heiss war. Sie meinte, sie erinnere sich nur daran, dass der Teer entfernt wurde. In meinen Augen bedeutete dies, dass ihre Füsse ziemlich abgehärtet waren.

Eine andere Frau sagte mir, sie wäre überall barfuss unterwegs gewesen und sie erinnere sich nicht daran, dass ihre Füsse jemals geschmerzt hätten. Ein paar weitere Leute sagten ebenfalls, dass Schuhe dazumal einfach unnötig waren. Es sei denn, dass sie den Eltern auf einem Stoppelfeld oder steinigen Acker helfen mussten. Schuhe wurden somit nur dann genutzt, wenn es eine Schutzvorrichtung für die Fusssohlen gebraucht hat, jedoch nicht aus Bequemlichkeit oder aus modischen Gründen.

Ich selbst habe meine Schuhe immer ausgezogen. Auch im Winter hatte ich oft keine Schuhe an den Füssen. Etwas Kälte hat absolut nichts ausgemacht.

In meiner Jugend war der Verkehr auf den Strassen noch nicht so stark, so dass man direkt auf der Strasse gehen konnte. Ich kann mich nicht erinnern, jemals Schuhe getragen zu haben, wenn ich auf diesen teerbedeckten Strassen unterwegs war. Egal wie heiss der Teer wurde, ich empfand es nie als Unangenehm. Mein Fazit ist, dass meine Fusssohlen als Jugendlicher wohl aus Schuhleder bestanden haben müssen. Ich kann zudem auch mit Sicherheit sagen, dass die Fusssohlen meiner Freunde und Kollegen ebenso zäh wie Leder waren. Als Jugendliche waren unsere Füsse einfach unbesiegbar.

Heutzutage wäre ich kaum mehr in der Lage, barfuss auf der Strasse zu gehen. Ich gehe nur noch Zuhause im Haus barfuss. Heute weis ich, dass das ein Fehler ist. Ich habe mir vorgenommen, endlich wieder dieses tolle Gefühl der Freiheit geniessen zu können und auch ausserhalb des Hauses wieder barfuss zu gehen.

Deshalb komme ich zu der grossen Frage: Wann und wie bin ich von einem unbesiegbaren Barfussgeher zu einem grossen Weichei geworden? Mein erster Gedanke ist, dass das Tragen von Schuhen während meiner gesamten Schulzeit und all die Jahre, in denen ich sie zur Arbeit tragen musste, viel damit zu tun hatte, dass meine Füsse verweichlicht wurden. Ich kann das nicht beweisen, aber ich denke schon, dass ich recht habe.

Somit komme ich zurück zum Sonntag und meinen Enkelkindern. Der älteste, Martin, scheint dieses Jahr etwas mehr in Schuhen zu stecken. Er spielt Fussball. Da sind Schuhe notwendig. Es ist unmöglich, Stollen an einem nackten Fuss zu befestigen. Mein zweiter Enkel besitzt möglicherweise kein einziges Paar Schuhe, da ich mich nicht erinnern kann, wann Kevin jemals Schuhe anhatte. Mein dritter Enkel ist Miles. Er geht gerne Kompromisse ein. Er hat zwar nie Schuhe-, jedoch immer Socken an den Füssen. Er könnte derjenige sein, welcher einmal Politiker wird.

Mein nächstes Enkelkind ist Lina. Bei ihr hängt das Barfussgehen von der Stimmung ab, in der sie sich befindet. Entweder ist sie einfach barfuss oder sie trägt ein schönes Paar Schuhe. Sie hat generell gerne modische Kleidung. Mein letztes Enkelkind ist Moritz und er ist fast anderthalb. Er geht immer noch am liebsten barfuss und weigert sich hartnäckig, Schuhe anzuziehen.

Füsse können fast unzerstörbar sein. Aber egal wie stark ein Fuss und eine Fusssohle ist, auch dann kann man weder auf einen Sanddorn oder eine Distel treten. Ich habe die Tage des Barfussgehen geliebt. Es war eine Freiheit, die ich mochte. Zu spüren, wie die Grashalme über deine Füssen wischen ist ein grossartiges Gefühl. Ebenso wie das Quetschen von Schlamm zwischen deinen Zehen. Auch der Wind erzeugt ein super Gefühl, wenn er sachte über den Fussrücken streichelt. Ja, es war ein gutes Gefühl, der Natur nahe zu sein und die vielen barfüssigen Eindrücke geniessen zu können. Darum werde ich wieder damit beginnen. Die Zeit in der ich es nicht mehr getan habe, ist rückblickend gesehen diesbezüglich eine verlorene Zeit gewesen. Ich kann es nur so sagen: lasst die alten Schuhe Zuhause stehen und geht barfuss aus dem Haus. Und das nicht nur als Kind, sondern auch im Erwachsenenalter. Denn irgendwann kann man es nicht mehr tun.