Barfuss macht Spass.

22:37 Uhr

Ich befand mich in einem netten Lokal. Ein Geburtstagsfest stand an diesem Mittwochabend auf dem Traktandum. Das freudige Ereignis wurde auch gebührend gefeiert.

23.26 Uhr

Das Fest neigte sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Nicht weil wir müde vom Feiern geworden sind. Ich denke wir hätten es problemlos noch etwas länger ausgehalten. Es gab andere Gründe. Ich musste zum Beispiel am nächsten morgen wieder um 5 Uhr aufstehen. Der Jüngste bin ich auch nicht mehr. Und ich musste ja auch noch meinen Zug erwischen. Ein grosser Teil der Anwesenden war bereits abgezogen. Auch sie mussten am nächst Morgen zur Arbeit. Der Morgen kommt schneller als man denkt.

Meine lieben, noch anwesenden Kollegen wollten mich alle zum zwei Kilometer entfernten Bahnhof fahren, denn ich bin als einziger mit dem öffentlichen Verkehr angereist. Denn wer Alkohol trinkt, fährt nicht. Und zwei Gläschen Wein und einen Gin Tonic zum Abschluss hätten vielleicht schon zum Führerausweisentzug ausgereicht. Mit Müh und Not konnte ich die Angebote ausschlagen. Denn nach einem solch üppigen Festschmaus mache ich gerne noch einen kleinen Spaziergang. Auch die Hinweise, dass es gemäss Wetter-App -2 Grad kalt sei, waren mir egal. Ich hatte schon kältere Temperaturen unbeschadet überlebt. Zudem hatte ich ja eine warme Winterjacke mitgenommen und vorsorglich auch eine Mütze mit eingepackt.

Polizeikontrolle

Wie ich am nächsten Tag erfahren habe, hat die Polizei einen Kilometer ausserhalb des Dorfes Kontrollen durchgeführt. Einer meiner Kollegen musste den Alkoholtest machen und darf nun den Ausweis für einen Monat abgeben. Also bitte achtet meinen Tipp: Wenn du weist das du Alkohol trinken wirst, lass das Auto Zuhause stehen und nutze den öffentlichen Verkehr. Solltest Du zur bequemen Sorte Mensch gehören und unbedingt mit dem eigenen Auto fahren müssen, sei Standhaft und trinke nur nicht-alkoholische Getränke. Es passiert schnell etwas.

Der dunkle Wald

Mein Weg führte mich auf Teerstrassen durch ein kleines Wohnquartier und danach durch einen dunklen, schwarzen Wald. Der Kanton hat es nicht einmal hinbekommen, einen Gehweg entlang der Strasse zu bauen, welche zum Bahnhof führt. Als Fussgänger muss man durch den Wald laufen. Und weil es ein Wald ist, sind Strassenlaternen wegen der Tier- und Pflanzenwelt nicht gestattet. Also blieb mir nur meine Smartphone-Taschenlampe. Immerhin etwas Licht. Ohne Licht wäre es unmöglich gewesen, durch den Wald zu laufen. Man sah wirklich nicht einmal die Hand vor Augen.

Zum Glück nur wenig geschottert

Zum Glück funktionierte mein Orientierungssinn bestens. Ich fand dieselben Waldstrassen, welche ich schon beim Hinweg genutzt hatte. Mal links, dann wieder rechts, nochmals rechts, denn wieder links etc. Einfach in umgekehrter Reihenfolge.

Der Boden war frisch. Doch das stete Gehen liess meine Füsse nicht auskühlen. Die Waldstrassen waren auch nicht besonders arg geschottert. Meistens folgte ich den Strassenrändern, welche durch das immer noch vorhandene Herbstlauf, wunderbar zu begehen waren.

Meinen Atem trug es als weisse Dampfwolken durch die Nacht. Die Taschenlampe verwandelte diese ganze Schwärze in eine gespenstische Stimmung. 20 Minuten lang spazierte ich in gutem Tempo durch den dunklen Wald.

Der Bahnhof

Dann erreichte ich einen kleinen Asphaltweg, welcher aus dem Wald hinüber zum Bahnhof führte. Punktlandung! Gemäss Fahrplan würde der Zug in 15 Minuten einfahren. Ich begab mich zu Gleis 4. Es war wirklich kalt. Ich stand da, im hellen Licht der Scheinwerfer. Und wartete. Alleine.

Ich setzte mich für 5 Minuten in das Warteräumchen. Im Häuschen war es vielleicht ein Grad wärmer. Mehr nicht. Aber rumsitzen ist irgendwie nicht so meine Art. Als bin ich wieder raus und habe ein paar Fotos gemacht. Glücklicherweise kam der Zug pünktlich auf die Minute eingefahren. Ich stieg in den mittleren Wagen. Doch auch im Wagen hatte es keine Mitreisenden. Warum auch immer erinnerte es mich an den Film Polarexpress. https://youtu.be/R9p1hqsxdD4

Der Zielbahnhof

23 Minuten später fuhr der Zug im Zielbahnhof ein. «Bitte alles aussteigen», meint die nette Damen über Lautsprecher. «Endbahnhof». Ich stieg aus und schaute mich um. Ausser mir stieg sonst niemand mehr aus. Der Zug ist nur für mich gefahren. Welch eine Ehre.

Auf dem Bahnhofsplatz standen ein paar Leute beim Busbahnhof und warteten schlotternd auf ihre Mitfahrgelegenheit. Ich entschied mich für den Fussmarsch nach Hause.

Ich mag keine Besoffenen

In der Stadt hatte es nur noch ganz wenige Passanten. Zwei Personen diskutierten sehr engagiert vor einer Bar, welche noch offen hatte. Die waren auch schon etwas betrunken. Unterwegs hörte ich auch noch das Schreien anderer Besoffener. Bei solchen Typen bin ich immer vorsichtig und wechsle meistens die Strassenseite oder gehe einen anderen Weg. Besoffene wissen oftmals nicht mehr so recht was sie tun und können aus dem Nichts unangenehme Aggressionen entwickeln. Doch ich hatte Glück und die Betrunkenen wählten einen anderen Weg. Ich mag keine Leute die nicht mit Alkohol umgehen können.

Rotwein fördert die Durchblutung?

Die wenigen Passanten, denen ich sonst noch begegnete, hatten keine Augen für meine nackten Füsse. Es waren alle eilig unterwegs und wollten bloss nur noch nachhause kommen. Die Jacken und Schals hatten sie tief ins Gesicht gezogen. Auch ich war froh um meine Winterjacke und die Mütze, welche ich wohlweislich im Rucksack mitgeführt hatte. Es ging auch noch ein leichter, aber kalter Wind.

Doch meine Füsse hatten erstaunlich warm. Ob das von den beiden Glas Rotwein kam, von welchem ich getrunken hatte. Rotwein soll ja die Durchblutung fördern.

Zuhause

Nach rund 20 Minuten erreichte ich mein Haus. Es brannte kein Licht mehr. Da waren wohl schon alle im Bett. Dank meiner baren Füsse konnte ich leise hineinschleichen ohne jemanden zu wecken. Danach ging es ganz schnell. Zähne putzen, Füsschen waschen, Füsschen noch etwas eincremen, Pyjama anziehen und dann ab unter die Decke. 4 Stunden später hat der Wecker geklingelt. Aufstehen, duschen, anziehen, Mittagessen vorbereiten und ab ins Büro. Um 6:20 Uhr habe ich den ersten Kaffee rausgelassen, natürlich wieder barfuss.